(Lilo)
Als ich vom Strand zurückkam, merkte ich, dass Bill wohl in seinem Zimmer war. Ob das jetzt Ironie des Schicksals war, dass er wieder das Nebenzimmer hatte? Nee, das war schon Schicksal.
Ich sperrte die Tür zu Na-Ris und meinem Zimmer auf und trat ein. Na-Ri war gerade bei Alex. Die beiden hatten plötzlich raus gefunden, dass sie doch eigentlich ganz gut zusammenpassten. Sollte mir recht sein. Aber ich wollte auch glücklich sein. Zwar war ich das im Moment einigermaßen, aber in der Liebe sah es nicht so toll aus. Und plötzlich war ich wieder verdammt sauer auf Bill. Und auf mich. Warum hatte ich heute Vormittag nur so viel und so nett mit ihm gesprochen? Das war doch absurd! Und dann dachte ich an Tom. Er war einfach nur heiß. So, wie er den Kopf leicht eingebildet hob, die rechte Augenbraue nach oben zog und mich aus seinen rehbraunen Augen anschaute. Und diese Selbstverständlichkeit in seiner Art war zwar gespielt, aber trotzdem verdammt heiß. Wenn ich an ihn dachte, musste ich grinsen. Er hatte sich weiterentwickelt, er nützte zwar immer noch jede Gelegenheit, um mich anzubaggern, aber er machte das jetzt besser als früher. Es schwang auch immer so ein kleines bisschen Gefühl mit, wenn er mit mir sprach. Ich wusste nicht so recht, ob ich etwas mit ihm haben könnte oder nicht. Damals hatte ich mich für Bill entschieden, weil dieser in mir einfach mehr Gefühle geweckt hatte. Dass es mit Tom auch keine feste Beziehung geben würde, war mir klar. Erstens, war da der Amerika-Vertrag und zweitens, war Tom kein Typ für eine Beziehung. Aber er stand wenigstens dazu und man wusste, woran man war. Bill stand erst nach einer Nacht dazu. Es tat mir verdammt leid, mich einfach so hergegeben zu haben. Aber in dem Moment war es Liebe gewesen. Und ich mochte Bill irgendwo immer noch sehr… Aber zwischen uns würde niemals was sein, damit hatte ich mich abgefunden.
Triefend nass, nur mit einem Handtuch bekleidet, tapste ich durch das Zimmer zu meinem Koffer und zog ein paar frische Klamotten heraus, in die ich sofort schlüpfte. In meine Haare gab ich ein wenig Lockenschaum, sodass sie sich wegen der rauen Meerluft nicht aufkräuselten, sondern schön fielen. Rasch schminkte ich mich noch, dann sah ich auf die Uhr. Dreiviertel Sieben. Ich hatte also noch ein wenig Zeit bis zum Abendessen. Also entschloss ich, mich nach bekannten Leuten umzusehen.
Noch ehe ich das Hotelzimmer absperren hätte können, hörte ich schon die erste Person meinen Namen rufen. Ich drehte mich um und sah den Lehrer, der sich am Tag vor Alexanders Party so heftig in mein Privatleben eingemischt hatte.
„Womit kann ich dienen?“, fragte ich und strengte mich an, höflich zu klingen.
„Lilo, nur ganz kurz: Ich möchte dich bitten, nicht noch einmal den gleichen Fehler wie vor nicht allzu langer Zeit zu begehen.“, leierte er herunter. Wut stieg in mir auf.
„Keine Sorge. Ich werde das tun, was ich für richtig halte. Und falls Sie es nicht bemerkt haben sollten, ich meide Bill Kaulitz.“, sagte bemüht, ruhig zu bleiben.
„Ich dachte gar nicht an ihn. Ich dachte an seinen Bruder.“ Der Lehrer blickte mich eindringlich an und ich lachte zynisch auf. „Sie haben ein völlig falsches Bild von mir. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mit Tom… Na, Sie wissen schon.“ Dass das, was ich gerade von mir gab, Blödsinn war und ich vielleicht sehr wohl was mit Tom anfangen würde, war mir klar. Aber dabei wollte ich mir neugierige Lehrer vom Halse halten.
„Dann ist ja gut. Wir sehen uns beim Essen.“, meinte der Lehrer und verschwand.
Als er außer Hörweite war, atmete ich erleichtert auf. „Den bin ich los.“, murmelte ich und drehte mich um, Richtung Aufzug. Ich wollte noch ein bisschen in den großen Hof, in dem sich auch der Pool befand.
Da der Aufzug besetzt war, rannte ich die Treppen nach unten und durch das gesamte Gebäude hindurch zum Hinterausgang, der direkt an den Pool führte.
Ich schritt hinaus, die Hitze und die Sonne schlugen mir Gleichzeitig entgegen. Ich hielt die Hand vor die Augen, um zu erkennen, was sich vor mir abzeichnete. Die Sonne blendete mich stark, sodass ich nicht erkennen konnte, wer auf dem Liegestuhl am Schwimmbad chillte. Ich näherte mich dem Pool und erkannte, wer da lag. Ich wollte umdrehen, doch es war zu spät.
„Hey.“, begrüßte Bill mich. Ich ließ mich neben seinem Liegestuhl auf dem Boden nieder und murmelte:„Hallo.“ Es war hart, ihm so nahe zu sein, und ihm nicht nahe zu kommen.
Wir schwiegen eine Weile. Dann öffnete ich den Mund, um etwas zu sagen, doch das Wort blieb mir im Halse stecken.
„Hast du das Sprechen verlernt?“, zog mich Bill auf. Ich grinste. „Nee, du machst es mir aber verdammt schwer.“ Bill erstarrte.
„Komm schon, du musst dich nicht schuldig fühlen. Du kannst nichts dafür, dass…“
Bill setzte sich auf und blickte mich an.
„Ich kann nichts dafür, dass… Für was?“, sagte er mit lauter Stimme, „Dafür, dass es dir so mies gegangen ist, dafür, dass wir jetzt nicht zusammen sind, obwohl wir uns eigentlich lieben, oder dafür, dass ich niemals richtig glücklich sein werde? Ich kann was dafür! Ich hätte nicht den Vertrag unterschreiben müssen.“
Mir standen die Tränen in den Augen. „Nein Bill. Du kannst nichts dafür, dass ich dich liebe. Und die Musik ist dein Leben, also leb dein Leben!“, flüsterte ich und wischte die Tränen weg, „Kümmre dich nicht um mich. Ich werd meinen Weg schon gehen.“
„Aber mein Leben ist nichts wert ohne dich!“, meinte Bill leise.
„Bill, mal ganz ehrlich, es hätte eh nicht funktioniert. Allein schon deshalb, weil ich so weit entfernt von dir wohne.“, sagte ich gefasst, „Ich muss ja auch zur Schule gehen. Das ist alles nicht so einfach.“
Bill blickte mich aus seinen dunklen Augen an und strich mir eine Träne aus dem Gesicht, die mir in meiner pathetischen Haltung entkommen war. Ich schloss die Augen und für einen Moment war alles so wie vor nicht allzu langer Zeit. Ich spürte, dass sich unsere Gesichter näherten. Ich spürte, dass Bill mir immer näher kam. Und ich wollte es. Ich konnte schon seinen Atem spüren, keine Sekunde später seine Lippen. So weich und so… Ich öffnete schlagartig die Augen. Was tat ich gerade? Ich beging den gleichen Fehler nochmals. Nein, ich würde mich nicht wieder verletzen lassen. Nein. Ich sprang hoch und sagte zum verwunderten Bill:„Tut mir leid. Es hätte nicht so weit kommen dürfen. Am besten, ich hätte dich nie kennen gelernt.“
Weggetreten setzte ich mich auf mein Bett und starrte an die Wand. Bill hatte mir seine Liebe gestanden, ich ihm meine und wir hatten uns geküsst. In einem Liebesfilm hätten wir uns weiter küssen, irgendwann ausziehen und dann richtig lieb haben müssen. Und dann hätte Bill mir sagen müssen, dass er für mich einen Vertrag gekündigt hatte. Und dann hätte ich in Tränen ausbrechen müssen und ihn ganz fest drücken und noch mal küssen.
Aber das war kein Liebesfilm. Das war die Realität. Und da gab es solche romantischen Episoden nicht. Und es wäre wohl wirklich am besten gewesen, ich hätte Bill nie kennen gelernt. Dann wäre jetzt nicht alles so schwer.
Na-Ri knipste das Licht aus und ich rollte mich in meinem Bett zusammen. Wie sollte ich es noch weitere acht Tage in so unmittelbarer Nähe von Bill aushalten?
Meine Gedanken wurden von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. „Ich mach schon.“, meinte Na-Ri, „Ist sicher der Alex.“ Ich brummelte etwas und legte mich so hin, dass ich mit dem Kopf an die Wand schaute. Nach dem Motto: Immer mit dem Kopf durch die Wand! Doch dann fiel mir ein, wer an der anderen Seite der Wand sein konnte und ich drehte mich wieder um.
„Äh…Lilo“, hörte ich Na-Ri, „Das ist für dich. Du sollst raus zur Tür gehen.“ Grummelnd stieg ich aus dem Bett, suchte fluchend nach einem T-Shirt und Shorts, fand aber in der Dunkelheit nur ein Top. „Na egal.“, dachte ich, zog das Top über die Unterwäsche und tapste nach draußen auf den Flur.
„Wer stört um diese Zeit noch?“, fragte ich mit zusammengekniffenen Augen, weil sie noch nicht an das Licht gewöhnt waren.
„Ich“, hörte ich eine tiefe Stimme, die ich sofort erkannte. „Du? Und was willst du?“, fragte ich müde. „Deine Version von der Sache mit Bill hören.“
„Mensch, Gustav…“, nörgelte ich, „Ich hab schon gepennt.“ „Glaub ich dir nicht. Also?“, hakte Gustav nach. „Das hat dir Bill doch sicher schon erzählt.“, meinte ich genervt.
„Ja schon, aber ich weiß nicht, was daran ich glauben soll!“, nervte Gustav weiter. „Hör zu, ich muss das selbst noch aufarbeiten… Frühstücken wir morgen zusammen?“, schlug ich in meiner Not vor. Gustav nickte und lächelte. „Gegen halb Acht?“ Das war früh. Aber wenn ich nicht wollte, dass alle mitbekommen würden, was ich Gustav zu erzählen hatte, dann stimmte ich besser zu. Schließlich nahm Gustav mich zum Abschied kurz in den Arm und meinte aufmunternd:„Wird schon wieder.“
Als ich dann nachher wieder in meinem Bett lag, dauerte es keine fünfzehn Minuten bis es das nächste Mal an der Tür klopfte. Auch dieses Mal ging Na-Ri davon aus, dass es Alex sein würde.
Ich schlief echt schon halb, als sie rein rief, dass es wieder für mich sei. Wieder stieg ich fluchend aus dem Bett und auf dem Weg zur Tür das Top von vorher über.
„Hey… In so knappen Teilen hab ich dich aber noch nie gesehen.“ „Ich hab auch grad geschlafen, du Blödmann!“, sagte ich witzelnd zu Tom, „Willst du auch wissen, was heute Abend los war?“
„Was sollte denn los gewesen sein?“, fragte Tom überrascht. Er wusste es also nicht. „Äh… Nichts. Was wolltest du dann noch um diese Zeit?“, redete ich mich da raus. „Dich fragen, ob du morgen mit mir frühstücken willst…“, rückte Tom heraus und grinste mich dabei wieder so süß an. „Du willst ein Date!?“, schloss ich daraus. „Könnte man so sagen, ja. Und ich dachte mir, heute ist es schon ein bisschen zu spät dafür, wobei… Wenn du Lust hast…“ „Nee, Tom, tut mir leid, heute nicht mehr. Aber wir können morgen gern zusammen frühstücken…“ Ich rechnete gerade aus, wie lange ich mit Gustav brauchen würde.
„Halb neun?“, schlug ich vor. „So früh? Na ja, wenn Ihre Hoheit wünscht… Dann sehen wir uns um halb neun. Und jetzt lass ich dich deinen Schönheitsschlaf halten, damit du morgen früh auch gut aussiehst.“ Tom grinste, beugte sich zu mir herab und küsste mich kurz, erst auf die Wange, dann streifte er für eine Zehntelsekunde meine Lippen. Die seinigen waren angenehm warm und weich, außerdem konnte ich ganz genau sein Piercing spüren. Und dann ging er. Einfach so, mit einem kurzen Gruß und diesem Grinsen. Ich sah ihm noch hinterher, bis er in seinem Zimmer verschwand. Dann löste ich mich aus meiner Starre und griff mir kopfschüttelnd an die Backe. Mir kam es vor, als brannten Toms Lippen immer noch daran. Und auf meinem Mund brannten gleich zwei Paar Lippen. Bills und Toms.
Kopfschüttelnd über das, was sich heute alles ereignet hatte, schlich ich in das Zimmer und legte mich schlafen. Und jetzt wurde ich nicht mehr gestört.
Leise – ich wollte Na-Ri nicht wecken – suchte ich mir eine kurze Jeans und ein Tanktop raus und machte mich damit auf den weg ins Bad, wo ich mich schnell für den Tag bereit machte. Ich schlüpfte noch schnell in ein paar Flip Flops, dann sah ich auf meinem Handy, dass ich schon zu spät dran war. Also machte ich schnell und verzichtete wie gestern Abend auf den Aufzug, auch, um meinen Hintern per Treppen in Form zu bringen.
„Hey…“, begrüßte ich Gustav und ließ mich gegenüber von ihm elegant auf dem Stuhl nieder.
„Dir kann man gar nicht böse sein, auch wenn du zehn Minuten zu spät kommst.“, meinte Gustav grinsend. Ich bedankte mich lächelnd. „Muss ich dir sofort alles erzählen oder darf ich mir erst was zum Futtern holen?“, fragte ich gleich danach. Gustav grinste und wies auf den Tisch. „Ich hab auch noch nichts. Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam ’zum Futtern’ holen?“ Ich nickte und begann sofort alles zu erzählen, damit ich möglichst bald fertig zu sein. Gustav nickte und warf gelegentlich Fragen ein, welche ich mit großer Geduld beantwortete.
„Weißt du, ich glaube, mit der Zeit vergeht das… Ich muss mich nur ein bisschen davon ablenken…“, sagte ich zu Gustav. Dieser nickte und sah mich kritisch an. „Und deshalb lässt du dich auf Tom ein, oder?“ Ich lächelte verlegen. „Tom ist nicht schlecht… Ich weiß natürlich, dass er kein Beziehungstyp ist. Von dem lass ich mir nicht das Herz brechen.“ Gustav nickte und wechselte das Thema. Ich äugte immer wieder kritisch auf die schmale Calvin Klein-Uhr an meinem Handgelenk. Es war kurz vor halb neun. Um halb neuen würde Tom hier aufkreuzen.
Gustav warf einen Blick auf sein Handy und meinte, er habe noch zu tun. Ich dankte dem Himmel für diesen Zufall und verabschiedete mich von Gustav mit einem Küsschen auf die Wange. Ich verließ ebenfalls den Speisesaal, damit Tom nicht meinte, ich hätte auf ihn gewartet.
Als ich etwas später wieder zurückkehrte, saß er an einem Tisch und winkte mir lässig zu. Ich winkte zurück und ging immer schön mit dem Hinterteil wackelnd zu ihm. Tom blickte mich zufrieden an. Als ich den Tisch erreicht hatte, stand er auf, küsste mich nach französischer Art dreimal abwechselnd auf die Wange, dann rückte er mir den Stuhl zurecht. Ich wunderte mich über seine Manieren, die er sonst ja eigentlich nicht zu Tage legte.
„Du willst mich wohl beeindrucken, was?“, fragte ich Tom neckisch. Dieser grinste, zog eine Augenbraue nach oben und meinte:„Kann schon sein… Wollen wir nicht was zum Futtern holen?“ Eigentlich hatte ich ja schon mit Gustav gefrühstückt und hatte deshalb keinen Hunger. Trotzdem folgte ich Tom zum Buffet, nahm dieses Mal aber nur ein Glas Orangensaft. Tom erkundigte sich sofort, ob ich nicht doch etwas zum Essen wollte. „Nee, lass mal. Ich hatte schon was. Typisch Frühaufsteher eben.“, winkte ich ab. „Das heißt, du bist nur wegen mir gekommen?“, fragte Tom herausfordernd. Ich lachte und meinte:„Deine Fantasie ist groß, Süßer! Vielleicht hab ich auch einfach nichts zu tun und finde es eben besser, mich von dir anbaggern zu lassen als mit den Strebern über die Regierungspolitik von Putin zu diskutieren.“
„Von wem?“ Tom sah mich entsetzt an. „Russlands Präsidenten – Putin.“ „Ach, der… Ich weiß jetzt schon, wen du meinst.“, sagte Tom überzeugend. Ich sah ihn an und nickte spöttisch. Tom schüttelte nur den Kopf und murmelte etwas. Dann waren wir auch schon am Tisch angekommen, wo wir sofort weiterquatschten. Ich musste zum wiederholten Male feststellen, dass ich mich mit Tom echt total gut verstand und er mich dauernd zum Lachen brachte. Wir hatten echt einen ähnlichen Humor, denn offenbar war es umgekehrt genau so.
„Was machst du eigentlich nach der Schule?“, fragte Tom mich irgendwann. Ich lächelte. „Wahrscheinlich geh ich studieren. Irgendwas mit Mode oder Journalismus wäre nicht schlecht. Aber bis dahin hab ich ja noch vier Jahre Schule vor mir.“
„Vier? Bist du kleben geblieben?“ Tom sah mich erstaunt an. „Nee. Gar nicht.“, antwortete ich verständnislos, „Ich bin fast fünfzehn und geh in die Neunte. Das ist doch normal, ne?“ „Fünfzehn!?“, Tom sah mich entsetzt an. Ich nickte und verstand nicht ganz, was er meinte. „Du bist wirklich fünfzehn? Ich mein, du siehst mindestens wie sechzehn oder siebzehn aus.“ Tom schaute immer noch ganz verwundert. „Heißt das, du magst mich jetzt nicht mehr, nur weil ich knapp drei Jahre jünger bin als du?“, fragte ich und zog einen Schmollmund. „Ach was! Das Alter spielt doch keine Rolle. Das heißt, im Normalfall ist fünfzehn ja schon jung, aber du bist anders!“, sagte Tom schnell. Da hatten wir es wieder: Ich war anders. Tom fügte hinzu, dass dies ein Kompliment gewesen sei, wechselte dann das Thema wieder auf irgendwelchen Unsinn.
Schließlich verließen wir zusammen den Speisesaal und machten eine kleine Runde durch den Park des Hotels. Obwohl es früh war, war es schon verdammt heiß. Das bemerkte auch Tom. „Du willst wohl, dass ich mich ausziehe, oder was?“, lachte ich und puffte ihm in die Seite. „Wäre nicht schlecht.“ Tom grinste. „Mach ich aber nicht.“, rief ich und lief ihm ein Stück voraus, „Du hast auch viel an.“ Tom tat sich angesichts der tief sitzenden Hose schwer, mir zu folgen, deshalb wartete ich gütig auf ihn. Als er bei mir war, entledigte er sich seines T-Shirts. „Nicht schlecht.“, meinte ich und log, weil Toms Oberkörper wirklich kaum Muskeln aufwies. Tom grinste. Bei vielen anderen Typen hätte ich jetzt Angst gehabt. Aber bei Tom wusste ich, dass das nur ein albernes Spiel war. Tom sah mich erwartungsvoll an. „Vergiss es! Eher spring ich mit voller Montur in den Pool!“, meinte ich. „Warum eigentlich nicht?“, kam es von Tom. Er hatte recht. Warum eigentlich nicht? Und so liefen wir gemeinsam zum Pool, wo ich mich dann doch sehr zu Toms Freude meiner Shorts und meines Tanktops befreite. Selbstverständlich nahm ich seine Hand. „Auf drei springen wir gemeinsam, okay?“, schlug Tom vor. Ich nickte, dann nahmen wir Anlauf und sprangen ab. Ich war etwas blöd gesprungen und auf Tom gelandet, was dieser nur mit einem „Hey, hey, hey!“, kommentierte. Dafür bekam er eine geballte Ladung Wasser ins Gesicht gespritzt, die sofort zurückkam. „Versuch doch, mich zu fangen!“, reif ich und tauchte ab. Schwimmen konnte ich gut, besonders unter Wasser. Und deshalb hatte Tom es auch verdammt schwer, mir zu folgen. Doch er stellte es geschickt an und trieb mich in eine Ecke. Als ich sah, dass ich keine Chance mehr hatte, stellte ich mich mit dem Rücken an die Poolwand und wartete auf Tom, der schnell bei mir war. „Ich hab dich…“, meinte er grinsend und stellte sich frontal vor mich. „Vielleicht…“, sagte ich geheimnisvoll. „Das werden wir gleich sehen…“ Tom grinste und beugte sich zu mir herab. Seine Lippen streiften meine ohne, dass er mich sonst wo berührte. Dann fragte er lächelnd:„Und – hab ich dich?“ „Vielleicht…“ Ich lächelte und fügte hinzu:„Du musst dich schon ins Zeug legen.“ Ich legte meine Hände an seine Seiten, zog ihn sanft näher und er verstand. Eine seiner Hände legte er an meinen Hals, die andere auf den Rücken. Seine Lippen berührten meine, erst sanft, bald aber immer fordernder. Ich machte mit. Ich wollte es. „Gestern Abend wolltest du noch Bill küssen!“, meldete sich eine leise Stimme in mir. Ich verdrängte sie und konzentrierte mich auf Tom.
Als wir irgendwann von einander abließen, warf ich einen Blick auf die Uhr, die an den Umkleidekabinen angebracht war. Ich erschrak. Meine Klasse würde sich jetzt treffen. Und die waren alle verdammt pünktlich. „Tom, ich muss zu meinen Leuten… Wir sehen uns auf jeden Fall noch!“, versprach ich und kletterte aus dem Pool. Als ich gerade in meine Flip Flops geschlüpft war und meine Klamotten in die Hand genommen hatte, spürte ich wie sich Toms Arme um meine Taille schlangen. Schnell küsste ich ihn noch, rannte dann klatschnass an den Treffpunkt meiner Klasse, der sich glücklicherweise im Freien befand.
„Fräulein Thurner! Wo haben Sie denn gesteckt?“, erkundigte sich der Klassenvorstand und musterte mich spöttisch. „Das sieht man doch, oder?“, sagte ich ruhig. „Ich hoffe, ohne Begleitung von Milchreisrockern.“, erwiderte er und sah mich streng an. Ich schüttelte den Kopf.
„Lilo! Worst du mitn Tom im Wossa?“, hörte ich meinen Bio-, Physik- und Matheprofessor, den ich am Tiroler Dialekt erkannte, „Der is a gonz noss!“ Ich lief rot an, als ich den Klassenvorstand murmeln hörte, dass er es doch gewusst hätte. Statt mich mit den Vorgesetzten rumzuplagen, gesellte ich mich zu meinen Freunden.
Gestern hatten es meine Professoren zum Glück unterlassen, mich weiter zu blamieren. Mir hatte schon der Kommentar von Marie gereicht. „Wir wussten ja immer, dass Lilo nicht ganz dicht ist. Null Geschmack!“, hatte sie gesagt. Das hatte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. „Halt’s Maul! Bist ja bloß eifersüchtig, weil Alexander mir nachrennt. Und dass du Tom heiß findest, wissen eh alle. So wie du den angeglotzt hast… Schade, dass die Jungs nicht auf zwei Nummern zu große BHs und vom Blondieren kaputte Haare stehen. Und außerdem… In deinem Gesicht klebt ein ziemlicher Matsch!“, hatte ich frech geantwortet, im Bezug auf Maries falsche Oberweite und der Pampe, die Make-up sein sollte, bei der Hitze aber verschwommen war. Die Klassenzicke hatte erst auf mich losgehen wollen, und um ehrlich zu sein, ihre langen, roten Krallen waren mir nicht ganz geheuer gewesen, aber dann hatte sie sich darauf besonnen, ihr Make-up zu erneuern. Meine Freunde und ich hatten uns halb tot gelacht und Philipp hatte gemeint:„Oha! Wie nennt man das gleich? Einen unfairen Zickenkrieg, nicht?“
Während ich mich schminkte, ging ich den gestrigen Tag noch mal im Kopf durch. Nach der Sache mit Tom war ich mit der Klasse ein paar alte Ruinen anschauen gewesen. Abends hatte ich die Jungs nicht gesehen, weil ich mal wieder etwas Zeit mit Philipp verbringen wollte. Wir waren ein Stück spazieren gewesen und hatten uns über alles Mögliche ausgetauscht. Eigentlich war es die meiste Zeit um mich gegangen. Wie es nun weiter gehen sollte, ob ich mit Tom zusammen war oder ob das etwas ganz unbedeutendes gewesen war. Eines hatte ich klargestellt:„Mein Herz kann nicht noch mal gebrochen werden. Zumindest in nächster Zeit nicht und schon gar nicht von Tom.“ Dafür war es noch zu kaputt. Der einzige, der es noch mal brechen konnte, war Bill. Aber der würde die Chance dazu nicht bekommen. Er hatte sich entschieden. Tom dagegen bekam seine Chance, weil das eh nichts Ernstes werden würde. Und das stand – so weit ich informiert war – nicht in meinem Lieblingsvertrag.
Ich war wieder ausgesprochen früh dran mit dem Frühstück. Acht Uhr. Ich konnte einfach nicht länger pennen. Das lag wahrscheinlich daran, dass hier in Barcelona ein anderes Klima war und die Sonne früher aufging. Doch es störte mich nicht wirklich, denn wenn ich früh aufstand, hatte ich morgens etwa zwei Stunden für mich.
Ich packte ein paar Croissants auf ein Teller, holte einen Orangensaft und die spanische Tageszeitung, dann setzte ich mich an einen Tisch und aß, während ich die Zeitung las. Spanisch machte mir keinerlei Probleme, vielleicht auch deshalb, weil ich von klein auf Italienisch sprach.
„Buenos dias, Segnorita.“, hörte ich eine bekannte Stimme, die ich eigentlich nicht erhofft hatte. Im Gegenteil. Ich hatte gehofft, der Besitzer dieser Stimme würde nicht auftauchen. Ich blickte hinter der Zeitung auf und meinte bloß:„Hi.“
„Kann ich mich zu dir setzen?“, fragte Bill und sah mich dabei so lieb an, dass ich gar nicht nein sagen konnte. Ich nickte bloß und studierte weiter die Politikabteilung, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Immer wieder schob ich mir einen Bissen in den Mund, blätterte die Zeitung um und nahm einen Schluck Saft. Das hatte ich von meinem Vater. Der machte das auch immer nach diesem Muster. Viele Leute wurden nervös dabei. Bill offensichtlich auch.
„Sag mal, verstehst du das, was da drin steht, oder machst du das nur, um mir aus dem Weg zu gehen?“, fragte er nach einer Weile. Ich schaute ihn hinter der Zeitung heraus spöttisch an. „Jetzt streng mal dein hübsches Köpfchen an: Wenn ich schon gelesen habe, bevor du gekommen bist, und nicht wusste, dass du kommst, dann werde ich mich natürlich verstecken, oder?“ Bill lächelte. Tolle Reaktion dafür, dass ich ihn gerade angefahren hatte. „Also verstehst du das wirklich?“, hakte er nach. „Klar.“, antwortete ich knapp und las weiter. Bill bat mich, ihm ein paar Artikel zu übersetzen, was ich auch tat.
„Sag mal“, begann er nach einer Weile ernst, „Was würdest du machen, wenn der Vertrag aufgehoben würde?“ „Nichts. Er wird eh nicht aufgehoben.“, antwortete ich sicher. „Woher willst du das wissen?“, fragte Bill scharf. Ich erschrak ein wenig, nahm mich zusammen und antwortete:„Meine Eltern und mein Stiefvater sind Anwälte. Da bekommt man so einiges mit. Die haben öfters damit zu tun.“ Bill sah mir in die Augen. Trauer, Wut – ich konnte den Blick nicht deuten. Dann sagte er sanft:„Tut mir leid, wenn das jetzt so hart rüber gekommen ist. Lilo, es ist nur, ich liebe dich und bin bereit, dafür zu kämpfen.“ Nicht schon wieder! Nicht schon wieder ein Liebesgeständnis. Ich atmete tief durch und meinte:„Mach es nicht komplizierter als es ist – und vor allem: Laber keinen Scheiß! Das sagst du jetzt, und dann in zwei Tagen meinst du es gar nicht so.“ Bill blickte mich verzweifelt an. „Was hab ich dir eigentlich getan?“, fragte er und ich blickte wieder auf die Zeitung, um nicht in seine unwiderstehlichen Augen blicken zu müssen. Als ich mich wieder gefangen hatte, schaute ich auf und fragte entsetzt zurück:„Das fragst du auch noch?“ Bill seufzte. „Du magst nicht mehr, oder?“, erkundigte er sich. „Ich würde schon wollen – aber ich mach mir keine Hoffnungen auf etwas, was wir eh nie erreichen.“ Und damit stand ich auf, weil ich fertig mit dem Frühstück war, und ging nach draußen. Ich mochte Bill noch, das wusste ich. Aber ich würde es schaffen, ihn zu vergessen. Außerdem war Tom auch noch da. Und als hätte er mich gehört, spürte ich plötzlich, wie sich zwei Arme um mich legten und ein Kuss auf meinen Hals gedrückt würde. Ich drehte mich um und lächelte Tom an. „Hey Süße!“ Er lächelte zurück. Ich küsste ihn als Begrüßung auf die Wange. Dann sah ich ihm tief in die Augen. „Ich wollte dich was fragen.“, begann ich. „Ich dich auch.“, meinte Tom. „Du zuerst!“, sagten wir beide gleichzeitig. Weil ich nicht Lust hatte, rumzuwarten, deshalb begann ich. „Wie stellst du dir das jetzt mit uns vor? Soll das was Ernstes oder nur Zeitvertreib sein?“ Ich blickte Tom ernst an. „Nun ja… Meinst du nicht, es ist zu früh, das zu sagen? Natürlich ist das jetzt nicht ein typischer One-, oder Two-Night-Stand, aber ich finde, Liebe kann nur langsam wachsen. Wir sollten ihr eine Chance geben, oder?“, sagte er ernst. Ich nickte und fragte, was er wissen wollen hatte. „Nichts.“, antwortete Tom und küsste mich. Damit gab ich mich nicht zufrieden. „Nichts!“, wiederholte er. „Na gut… Dann küss ich dich nicht.“ Ich schob die Unterlippe vor und schmollte. „Ich wollte fragen, ob du heute Nachmittag hier bist?“, rückte er raus. „Ich glaub schon. Warum?“, antwortete ich. „Vielleicht sehen wir uns ja.“, meinte Tom und lächelte, „Küsst du mich jetzt?“ Ich grinste, streckte meinen Hals und spürte, wie Toms Hand sich auf meinem Rücken in Position brachte. Ich schlang meine um seinen Hals, schloss meine Augen und spürte Toms sanft-fordernden Kuss auf meinen Lippen. Er war ein unglaublich guter Küsser. Aber Bill war besser. Mist, ich verglich ihn wieder mit Bill! Das musste aufhören! Ich konzentrierte mich voll auf Tom, der langsam seine Zunge über meine Lippen führte. „Du bist wunderschön!“, flüsterte er in einer Atempause und blickte mir tief in die Augen. „Ist das jetzt deine Technik, mich rumzukriegen?“ Ich grinste ihn frech an. Tom dagegen küsste mich wieder. Seine Hände fuhren etwas tiefer, aber nicht so tief, dass es blöd wirkte.
„Lilo, bist du des?“, hörte ich hinter uns eine Stimme sagen. Hastig ließen Tom und ich voneinander ab und blickten in das grinsende Gesicht meines Bioprofessors.
„Jetzt hob i eich erwischt, oder?“, fragte er und grinste breit. Tom und ich wechselten einen kurzen Blick und nickten. Ich konnte noch vor Tom meine Sprache wieder finden und bettelte auf dem Dialekt des Professors:„Bitte sogen’ s dem Klassenvorstond nix! Der darf des net wissen, weil…“ „Schun guat! Hauptsache, ihr erinnerts euch daran, was wir in Bio letztes Jahr besprochen haben, gell, Lilo?“, winkte er ab. Ich nickte und grinste. Tom schien zu ahnen, worum es ging und grinste auch. Irgendwie war ich erleichtert, in meinem Lehrer einen Verbündeten gefunden zu haben. Das hieß allerdings, dass er mir und Tom jetzt eine Menge aus seiner Jungend erzählen musste. Immer noch besser, als ein ständig meckernder Klassenvorstand.
Beim Abendessen setzten sich Georg und Tom zu uns. Als ich sie fragte, wo die anderen beiden seien, zuckten sie nur mit den Schultern. Tom beugte sich zu mir herüber und spitzte die Lippen. Ich sah mich schnell um, ob nicht irgendwo ein Klassenvorstand lauerte, dann küsste ich Tom schnell. Wir unterhielten uns noch ein wenig, doch dann mussten die Jungs weg.
„Bist du jetzt mit Tom zusammen?“, fragte Na-Ri, nachdem die beiden verschwunden waren. „Wir schauen mal…“, meinte ich und konzentrierte mich auf meine Pizza, die aber mehr ein Fladenbrot mit Tomatensauce, Parmesankäse statt Mozzarella und Ruccola statt Basilikus war. „Und Bill? Was sagt der dazu?“, warf Alex in die Runde. „Ich glaub, der weiß es gar nicht. Außerdem spinnt der im Moment ein bisschen. Der meint ernsthaft, er kann den Vertrag aufheben oder so.“ Ich schüttelte den Kopf. „Morgen hat er sich’s eh wieder anders überlegt.“ Die Runde nickte betroffen. Dann wechselten wir das Thema auf Alex’ und Na-Ris Beziehung.
Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass ich mich wirklich zur motorischen Frühaufsteherin entwickelt hatte. Nach dem üblichen Morgenritual im Bad machte ich mich auf den Weg in den Frühstückssaal. Alleine, wie in den letzten Tagen immer.
Gustav saß alleine an einem Tisch und winkte. Ich holte was zum Essen und setzte mich zu ihm.
„Ich muss mit dir reden.“, sagte er so ernst, dass ich ein wenig erschrak. Ich nickte. „Lass bitte die Finger von Tom.“ Ich sah Gustav entsetzt an. Warum sollte ich die Finger von Tom lassen? „Du liebst Bill. Bill liebt dich. Und Tom mag dich. Du findest ihn nett, vielleicht auch heiß, aber du empfindest nicht das für ihn, was er für dich empfindet“, rückte Gustav heraus. Ich blickte ihn immer noch entsetzt an. „Du wirst ihn nie lieben. Und irgendwann wirst du ihm wehtun. Tu das besser jetzt, als später, wenn du ihm dann doppelt so wehtust.“ Langsam fand ich meine Sprache wieder. „Meinst du nicht, ich sollte selbst wissen, was ich mache?“, schnauzte ich und verließ wütend den Saal. Gustavs Psychohobby ging mir langsam auf die Nerven. Ich wusste was ich da tat. Ich wusste aber nicht, was ich jetzt tun sollte. In den Frühstücksraum würde ich nicht zurückgehen. Ich blickte auf die Uhr und stellte fest, dass in etwa einer Viertelstunde der Ausflug in den Hafen startete. Der Ausflug war freiwillig, deshalb mussten nicht alle mitkommen. Ich entschied mich, mitzugehen, dann würde ich weder Gustav, noch sonst eine Nervensäge bis Mittag sehen. Und deshalb fand ich mich dann auf pünktlich um neun am Treffpunkt, der Rezeption, ein.
Als wir gegen Mittag zurückkamen, war ich froh, dass das Hotel eine Klimaanlage besaß, so heiß war es. Und dabei war es erst Mai! Total verschwitzt ließ ich mich auf mein Bett fallen. Lange konnte ich nicht liegen bleiben, weil Na-Ri und Alex es für sich beanspruchten. Ich hatte gerade noch Zeit, mein Handy, meinen iPod und meine Sonnenbrille zu schnappen und in meine Tasche zu packen, dann ging es schon los. Ich verflüchtigte mich auf den Gang und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Aus Bills Zimmer kam laute Musik. Keane. Ich mochte die Band nicht sonderlich, aber Bill schien auf das Geplärre zu stehen. Eine Zimmertür öffnete sich und Tom trat heraus. „Hey!“, rief ich und lächelte. „Hallo!“ Tom kam auf mich zu und legte seine Arme um mich. „Was hast du jetzt vor?“, fragte ich Tom. „Wir haben ein wichtiges Meeting mit den Produzenten. Irgendeiner von uns hat anscheinend was ausgefressen.“, antwortete er. Ich nickte. Tom beugte sich zu mir herab und küsste mich. Plötzlich verstummte das Geplärre von Keane. Ich ließ von Tom ab und blickte Richtung Bills Tür, die sich öffnete. Bill kam heraus und schaute Tom und mich entsetzt an. Mir lag schon der Satz „Es ist nicht so, wie du denkst!“ auf der Zunge, aber ich konnte ihn noch runterschlucken. Denn es war so, wie Bill dachte. „Ich hab’s gewusst.“, murmelte Bill nur und rannte die Treppen runter. Ich schluckte. Tom küsste meine Backe und meinte, ich solle mir nichts daraus machen. Ich nickte und schickte Tom zum Bandtreffen.
Und wieder stand ich alleine da. Während ich überlegte, was ich tun sollte, öffnete sich eine weitere Tür und Barbara, mit der ich recht gut befreundet war, kam auf den Gang. Ihr folgte Anna, ihre beste Freundin. „Hey Lilo. Wir dürfen raus shoppen gehen. Willst du mitkommen?“, schlug Anna vor. Gute Idee, das Shoppen. Ich nickte und rannte schnell zum Zimmer des Bioprofessors, der mir natürlich die Erlaubnis zum Ausgang gab.
Etwas später machte ich zusammen mit den beiden Mädels die Markengeschäfte Barcelonas unsicher. Als Luxustöchter brahcten wir nur unsere Kreditkarten zu zeigen, schon wurde uns angeboten, dass Geschäft eigens für uns zu schließen. Auf dieses Angebot gingen wir nicht ein, weil wir es doch reichlich übertrieben fanden. Dafür konnte sich as Ergebnis sehen lassen: Ich hatte nicht widerstehen können und hatte mir eine Hotpant von Diesel geleistet, dazu einige T-Shirts von Cavalli, Hilfiger und einem jungen, spanischen Designer. Dazu gab es fast in jedem Shop ein Glas Schampus, obwohl wir noch nicht sechzehn waren und eine Menge Komplimente von Verkäufern. Die anderen beiden Mädels hatten natürlich auch heftig eingekauft und so sahen wir beim Zurücklatschen ins Hotel wie Paris & Co. aus.
Fürs Abendessen zog ich gleich meine neue Shorts und ein weißes Top an. Ich musste mir selbst gestehen, dass ich lange nicht mehr so gut ausgesehen hatte.
Und genau wie ich es erhofft hatte, saß Tom schon im Speisesaal und hielt mir einen Platz frei. Ich spürte, dass ihm die Augen fast ausfielen. „Ehrlich, du siehst fantastisch aus!“, sagte Tom und lächelte mich an. Dieses Kompliment war ehrlich gemeint, das wusste ich. Ein wenig schlechtes Gewissen hatte ich schon, warum wusste ich nicht. Ich küsste Tom kurz, setzte mich dann auf den Stuhl, den er mir zu Recht hielt. Wenig später kam der Kellner vorbei. „Is your girl here now?“, fragte er und blickte mich an. „Äh…Yes.“, antwortete Tom. Ich lächelte und bestellte vor Tom, da er mir ganz Gentleman den Vortritt ließ. Immer wieder musste ich an Bill denken, und an das, was Gustav gesagt hatte. Doch ich konnte mich ablenken und den Abend mit Tom genießen.
Nach dem Essen nahm Tom meine Hand und führte mich aus dem Speisesaal. Ich warf über die Schulter noch einen flüchtigen Blick zu meinen Freunden, die mir alle ein Daumen-Hoch-Zeichen gaben und grinsten. Ich lächelte und folgte Tom zum Aufzug. Tom riss während dem Rauffahren einen Witz, und ich lachte laut darüber. Ehe ich mich versehen hatte, war ich in Toms Zimmer angelangt. Tom blickte mich tief an und es versetzte mir einen Stich ins Herz. Warum bloß? Ich tat doch nichts Verbotenes. Keine Sekunde später spielten Toms Lippen mit meinen. Ich schmiegte mich eng an ihn und legte meine Hand auf seinen Hals. „Lilo, es ist nur, ich liebe dich und ich bin bereit dafür zu kämpfen!“, hallte Bills Stimme plötzlich durch meinen Kopf und ich erschrak. Toms Hände fuhren langsam in die Richtung meines Hinterteils. „Nur nicht aufregen, das war nur dein gestörtes Unterbewusstsein, Lilo!“, redete ich mir ein. Mit einem Ruck zog ich sein Käppi runter. „Mein Leben ist nichts wert ohne dich!“, hörte ich Bills Stimme schon wieder. Langsam wurde das unheimlich. Tom schob langsam die Träger meines Tops über meine Schultern runter. In meinem Kopf spukte immer noch Bills Stimme herum. Ich versuchte, sie auszublenden, doch es ging nicht. Tom stockte plötzlich und ließ von mir ab. Er hatte wohl bemerkt, dass ich mit den Gedanken anderswo war. „Lilo, ich…“, flüsterte er, „Ich kann das nur, wenn du mir sagst, dass du Bill nicht mehr liebst.“ Ich erstarrte. Milliarden Bilder rasten durch meinen Kopf. Tom, Bill, Bill und Tom, Bill und ich, Bill mit den Jungs, die Jungs mit Bill und mir, ich und Bill in München. „Ich liebe dich“, kam die Erinnerung an die Nacht in München in mir hoch. Bill hatte es zu mir inzwischen schon einige Male gesagt. Ich auch zu ihm. Und ich hatte es ernst gemeint. Nein, ich meinte es so. Es war nicht fair, Tom nur zur Ablenkung zu benutzen. Verlegen blickte ich zu Boden. Tom schien zu verstehen. „Okay. Besser jetzt als später.“, meinte er. Ich presste die Lippen zusammen und zog die Träger meine Tops wieder hoch. „Ich glaub ich muss dir was sagen.“, begann Tom und wurde ernst. Ich sah ihn an. „Bill… Er hat den Vertrag außer Kraft gesetzt.“, sagte er. „Was?“ Mir fiel die Kinnlade runter. „Nein, oder?“, fragte ich, als ich mich gefangen hatte. „Doch. Lilo, er liebt dich. Und… du liebst ihn. Er gibt sich auf für dich. Du wärst blöd, wenn du ihm nicht noch eine Chance gibst.“ Ich schluckte. Es stimmte. Was war ich denn so blöd? Ich hätte an Bill glauben müssen. Bill hielt sein Wort. Wahrscheinlich hatte ich Angst gehabt, dass es noch mal einen solchen Vertrag geben könnte und dass er mich dann noch mal hängen lassen würde. Doch die Angst war unbegründet, das wusste ich. Ich spürte, dass ich nichts mehr als Bill brauchte. „Such ihn, geh zu ihm.“, riet mir Tom. Er hatte Recht. Ich musste zu Bill, ihm sagen, dass ich ihn liebte und dass ich ihn brauchte und dass uns so schnell nichts mehr auseinander bringen würde. Ich nickte und rannte Richtung Tür. Kurz vor der Tür hielt ich noch mal an und drehte mich um. „Tom, es tut mir leid.“, flüsterte ich. Ich wusste, dass ich wohl das erste Mädchen war, das Toms Herz angeknackst hatte. Er nickte und kam auf mich zu. „Schon gut. Du und Bill gehört zusammen.“, meinte er und umarmte mich. „Danke“, wisperte ich. Und dann rannte ich aus dem Zimmer.